Toleranzen bei Kunststoffteilen: Warum Kunststoff nicht wie Metall toleriert werden kann
Wer Bauteile aus Metall konstruiert, ist häufig an sehr enge und reproduzierbare Maßtoleranzen gewöhnt. Werden diese Anforderungen unverändert auf Kunststoffteile übertragen, kann dies jedoch schnell zu technischen Problemen und unnötig hohen Fertigungskosten führen. Denn Kunststoff verhält sich hinsichtlich Maßhaltigkeit grundlegend anders als Metall.
Temperatur, Feuchtigkeit, Materialschwindung, Bauteilgeometrie, Werkzeugauslegung und Fertigungsverfahren können die späteren Abmessungen eines Kunststoffbauteils beeinflussen. Eine möglichst enge Toleranz ist deshalb nicht automatisch eine bessere Toleranz.
Für Konstrukteure und Einkäufer stellt sich vielmehr eine andere Frage:
Welche Toleranz benötigt das Bauteil tatsächlich, damit es seine Funktion zuverlässig erfüllt?
Eine kunststoffgerechte Tolerierung kann entscheidend dazu beitragen, Bauteile sicher, reproduzierbar und gleichzeitig wirtschaftlich herzustellen.
Warum sind Toleranzen bei Kunststoffteilen besonders wichtig?
Kein Fertigungsverfahren produziert Bauteile mit mathematisch exakt identischen Abmessungen. Deshalb wird bereits in der technischen Zeichnung festgelegt, innerhalb welcher Grenzen ein bestimmtes Maß vom Nennmaß abweichen darf.
Ein Maß von beispielsweise 20,0 mm mit einer zulässigen Abweichung von ±0,1 mm darf entsprechend zwischen 19,9 und 20,1 mm liegen.
Das Prinzip ist bei Metall und Kunststoff zunächst identisch. Der entscheidende Unterschied liegt jedoch im Verhalten des Werkstoffs.
Metalle besitzen im Vergleich zu vielen Kunststoffen eine hohe Steifigkeit und eine relativ geringe Abhängigkeit ihrer Abmessungen von Feuchtigkeit. Thermoplastische Kunststoffe können dagegen deutlich stärker auf Temperatur, Feuchtigkeit, mechanische Belastung und den Herstellungsprozess reagieren.
Die Maßhaltigkeit eines Kunststoffbauteils muss deshalb immer im Zusammenhang mit Werkstoff, Fertigungsverfahren und Einsatzbedingungen betrachtet werden.
Warum Kunststoff nicht wie Metall toleriert werden sollte
Ein häufiger Fehler bei der Konstruktion von Kunststoffteilen besteht darin, Erfahrungen aus der Metallbearbeitung direkt zu übertragen.
Eine technische Zeichnung wird beispielsweise ursprünglich für ein Metallteil erstellt. Später soll das Bauteil aus Gewichts-, Korrosions-, Isolations- oder Kostengründen aus Kunststoff hergestellt werden. Die vorhandenen Toleranzen werden dabei teilweise unverändert übernommen.
Genau hier kann ein Problem entstehen.
Denn eine Toleranz, die bei einem gedrehten Metallteil problemlos erreichbar ist, kann bei einem spritzgegossenen Kunststoffteil einen erheblichen zusätzlichen Fertigungs- und Prüfaufwand verursachen oder unter den vorgesehenen Einsatzbedingungen sogar technisch wenig sinnvoll sein.
Die Forderung nach maximaler Genauigkeit sollte daher nicht das Ziel sein.
Das Ziel sollte eine für die Funktion des Bauteils ausreichende Genauigkeit sein.
Diese Unterscheidung kann erheblichen Einfluss auf die Wirtschaftlichkeit eines Kunststoffteils haben.
Welche Faktoren beeinflussen die Toleranzen von Kunststoffteilen?
Die Maßhaltigkeit eines Kunststoffbauteils wird von mehreren Faktoren gleichzeitig beeinflusst. Einige davon entstehen bereits während der Herstellung, andere wirken erst später auf das fertige Bauteil ein.
1. Materialschwindung bei der Herstellung
Besonders beim Kunststoffspritzguss spielt die Schwindung des Kunststoffs eine zentrale Rolle.
Der Kunststoff wird als Schmelze in das Werkzeug eingespritzt. Während der Abkühlung zieht sich das Material zusammen. Das fertige Bauteil ist deshalb kleiner als die entsprechende Werkzeugkontur.
Diese Schwindung muss bereits bei der Werkzeugkonstruktion berücksichtigt werden.
Allerdings besitzt nicht jeder Kunststoff die gleiche Schwindung. Selbst innerhalb einer Werkstoffgruppe können sich unterschiedliche Typen, Füllstoffe oder Verstärkungen unterschiedlich verhalten.
Beispielsweise kann ein glasfaserverstärkter Kunststoff ein anderes Schwindungsverhalten aufweisen als der unverstärkte Grundwerkstoff.
Auch die Fließrichtung des Materials kann einen Einfluss haben. Insbesondere bei verstärkten Kunststoffen können dadurch richtungsabhängige Eigenschaften und unterschiedliche Schwindungen entstehen.
Das bedeutet:
Ein Spritzgusswerkzeug wird immer unter Berücksichtigung des vorgesehenen Werkstoffs ausgelegt.
Ein späterer Materialwechsel sollte daher nicht erfolgen, ohne zu prüfen, welche Auswirkungen der neue Werkstoff auf Abmessungen, Schwindung und Bauteilfunktion hat.
2. Die Bauteilgeometrie
Auch die Konstruktion des Kunststoffteils beeinflusst dessen Maßhaltigkeit.
Besonders relevant sind unter anderem:
• unterschiedliche Wandstärken
• Materialanhäufungen
• Rippen und Verstärkungen
• lange Fließwege
• große ebene Flächen
• asymmetrische Geometrien
• Bohrungen und Durchbrüche
• Übergänge zwischen dünnen und massiven Bereichen
Ungleichmäßige Wandstärken können beispielsweise dazu führen, dass verschiedene Bereiche des Bauteils unterschiedlich schnell abkühlen.
Dadurch können Verzug, Einfallstellen oder Maßabweichungen entstehen.
Eine kunststoffgerechte Konstruktion trägt deshalb wesentlich dazu bei, reproduzierbare Bauteile herzustellen.
3. Temperatur
Kunststoffe reagieren auf Temperaturänderungen in der Regel stärker als metallische Werkstoffe.
Erwärmt sich ein Kunststoffbauteil, kann es sich ausdehnen. Kühlt es wieder ab, zieht es sich entsprechend zusammen.
Wie stark dieser Effekt ausfällt, hängt vom verwendeten Kunststoff ab.
Das bedeutet auch, dass die Temperatur bei einer Maßprüfung eine Rolle spielen kann.
Ein Bauteil, das unmittelbar nach der Fertigung oder unter deutlich anderen Umgebungsbedingungen vermessen wird, kann andere Abmessungen aufweisen als dasselbe Bauteil unter definierten Referenzbedingungen.
Besonders bei engen Toleranzen und größeren Bauteilabmessungen sollte dieser Einfluss berücksichtigt werden.
4. Feuchtigkeitsaufnahme
Bei bestimmten Kunststoffen kommt ein weiterer wichtiger Faktor hinzu: die Aufnahme von Feuchtigkeit.
Ein bekanntes Beispiel ist Polyamid (PA).
Polyamid kann Feuchtigkeit aus seiner Umgebung aufnehmen. Dadurch können sich nicht nur die mechanischen Eigenschaften verändern, sondern auch die Abmessungen des Bauteils.
Für Verbindungselemente wie Kunststoffschrauben, Kunststoffmuttern, Unterlegscheiben oder Abstandshalter aus Polyamid kann dieser Effekt bei besonders maßkritischen Anwendungen relevant sein.
Deshalb ist es wichtig zu definieren, in welchem Zustand ein Bauteil geprüft und eingesetzt werden soll.
Eine extrem enge Toleranz auf einer Zeichnung kann wenig sinnvoll sein, wenn sich das Bauteil später durch die normalen Umgebungsbedingungen innerhalb eines gewissen Bereichs verändert.
5. Fertigungsverfahren
Nicht jedes Kunststoffteil wird auf die gleiche Weise hergestellt.
Je nach Geometrie, Werkstoff und Stückzahl kommen unterschiedliche Verfahren infrage, beispielsweise:
• Spritzguss
• CNC-Drehen
• CNC-Fräsen
• Stanzen
• Wasserstrahlschneiden
• Laserschneiden
• 3D-Druck
• weitere formgebende oder spanende Verfahren
Jedes Verfahren besitzt eigene technische Möglichkeiten hinsichtlich Maßhaltigkeit, Wiederholgenauigkeit und Wirtschaftlichkeit.
Ein CNC-gefertigtes Kunststoffteil kann beispielsweise andere Toleranzen ermöglichen als ein direkt aus dem Werkzeug entformtes Spritzgussteil.
Das bedeutet jedoch nicht automatisch, dass CNC die bessere Lösung ist.
Bei großen Stückzahlen kann ein Spritzgussteil trotz anderer Toleranzmöglichkeiten wirtschaftlich deutlich überlegen sein.
Die entscheidende Frage lautet daher immer:
Welche Genauigkeit benötigt die Anwendung und mit welchem Fertigungsverfahren lässt sie sich wirtschaftlich erreichen?
Spritzguss und Toleranzen – eine besondere Herausforderung
Beim Spritzguss wird die spätere Maßhaltigkeit bereits durch eine Vielzahl von Faktoren beeinflusst.
Dazu gehören unter anderem:
• Werkzeugkonstruktion
• Werkzeugtemperatur
• Schmelzetemperatur
• Einspritzbedingungen
• Nachdruck
• Abkühlzeit
• Lage des Anspritzpunktes
• Materialcharge
• Materialfeuchtigkeit
• Entformung
• Schwindung
• Nachschwindung
• Bauteilgeometrie
Das verdeutlicht, warum die Tolerierung eines Spritzgussteils nicht einfach aus der Metallbearbeitung übernommen werden sollte.
Bei hohen Anforderungen kann zudem ein größerer Aufwand für Werkzeugoptimierung, Prozessüberwachung und Qualitätssicherung erforderlich werden.
Je enger die Toleranz, desto höher können die Kosten werden
Dieser Zusammenhang wird bei der Entwicklung neuer Kunststoffteile teilweise unterschätzt.
Eine enge Toleranz klingt auf einer technischen Zeichnung zunächst nach höherer Qualität. In der Produktion kann sie jedoch zusätzliche Maßnahmen erforderlich machen.
Dazu können beispielsweise gehören:
• aufwendigere Werkzeugkonstruktionen
• präzisere Werkzeugbearbeitung
• zusätzliche Werkzeugkorrekturen
• engere Prozessfenster
• häufigere Qualitätsprüfungen
• zusätzliche Messmittel
• höhere Ausschussrisiken
• längere Anlaufphasen
• nachträgliche Bearbeitung einzelner Funktionsflächen
Dadurch kann ein Kunststoffteil deutlich teurer werden, obwohl die zusätzliche Genauigkeit für die eigentliche Funktion möglicherweise überhaupt nicht benötigt wird.
So genau wie nötig – nicht so genau wie möglich ist deshalb ein sinnvoller Grundsatz bei der Tolerierung von Kunststoffteilen.
Funktionstoleranzen statt unnötig enger Allgemeintoleranzen
Besonders sinnvoll ist es, bereits während der Konstruktion zwischen funktionskritischen und weniger kritischen Maßen zu unterscheiden.
Ein einfaches Beispiel:
Ein Kunststoff-Abstandshalter besitzt einen Innendurchmesser, einen Außendurchmesser und eine Länge.
Für die Anwendung kann möglicherweise die Länge besonders wichtig sein, weil sie einen definierten Abstand zwischen zwei Bauteilen herstellt.
Der Außendurchmesser hat dagegen eventuell lediglich eine untergeordnete Funktion.
In diesem Fall wäre es nicht zwangsläufig sinnvoll, Länge und Außendurchmesser mit identisch engen Toleranzen zu versehen.
Stattdessen sollte gezielt geprüft werden:
Welche Maße bestimmen tatsächlich die Funktion?
Für diese Maße können entsprechende Anforderungen definiert werden. Bei weniger relevanten Abmessungen können dagegen wirtschaftlich sinnvollere Toleranzen vorgesehen werden.
Toleranzen bereits bei der Konstruktion berücksichtigen
Die größten Einsparpotenziale entstehen häufig nicht erst während der Produktion, sondern bereits bei der Bauteilkonstruktion.
Deshalb sollte frühzeitig geprüft werden:
Welche Maße sind funktionskritisch?
Nicht jedes Maß einer Zeichnung benötigt dieselbe Genauigkeit.
Welche Passungen sind tatsächlich erforderlich?
Eine unnötig enge Passung kann die Herstellung erschweren, ohne einen technischen Mehrwert zu bieten.
Welcher Kunststoff wird eingesetzt?
PA, POM, PP, PTFE, PEEK und andere technische Kunststoffe besitzen unterschiedliche Eigenschaften hinsichtlich Schwindung, Feuchtigkeitsaufnahme und thermischer Ausdehnung.
Unter welchen Bedingungen wird das Bauteil eingesetzt?
Temperatur, Feuchtigkeit, Chemikalien und mechanische Belastungen können relevant sein.
Wie soll das Bauteil hergestellt werden?
Die Konstruktion sollte zum vorgesehenen Fertigungsverfahren passen.
PA, POM, PP, PTFE oder PEEK – der Werkstoff spielt eine entscheidende Rolle
Die Angabe „Kunststoff“ allein reicht für eine sinnvolle Toleranzbetrachtung nicht aus.
Die Eigenschaften verschiedener Kunststoffe unterscheiden sich teilweise erheblich.
Polyamid (PA)
Polyamid wird häufig für technische Verbindungselemente eingesetzt und bietet eine interessante Kombination aus Festigkeit, Zähigkeit und Wirtschaftlichkeit.
Bei der Maßbetrachtung muss insbesondere die Feuchtigkeitsaufnahme berücksichtigt werden.
Polyoxymethylen (POM)
POM besitzt eine vergleichsweise geringe Feuchtigkeitsaufnahme und eine gute Dimensionsstabilität. Deshalb wird es häufig für technische Präzisionsteile eingesetzt.
Polypropylen (PP)
PP bietet eine gute chemische Beständigkeit und ein geringes Gewicht. Sein Schwindungs- und Temperaturverhalten muss bei maßkritischen Konstruktionen jedoch entsprechend berücksichtigt werden.
Polytetrafluorethylen (PTFE)
PTFE bietet außergewöhnliche chemische Eigenschaften und einen sehr niedrigen Reibungskoeffizienten. Hinsichtlich mechanischer Belastung, thermischer Ausdehnung und Kriechverhalten unterscheidet sich der Werkstoff jedoch deutlich von klassischen Konstruktionswerkstoffen.
Polyetheretherketon (PEEK)
PEEK gehört zu den Hochleistungskunststoffen und bietet unter anderem eine hohe Temperaturbeständigkeit sowie gute mechanische Eigenschaften. Trotzdem gelten auch hier die grundsätzlichen Besonderheiten der kunststoffgerechten Konstruktion und Tolerierung.
Die Werkstoffauswahl sollte deshalb immer gemeinsam mit Geometrie, Funktion, Fertigungsverfahren und Toleranzanforderungen betrachtet werden.
Was bedeutet DIN ISO 20457 für Kunststoff-Formteile?
Für die Tolerierung von Kunststoff-Formteilen ist insbesondere die DIN ISO 20457 „Kunststoff-Formteile – Toleranzen und Abnahmebedingungen“ relevant.
Die Norm beschäftigt sich mit fertigungstechnisch möglichen Toleranzen für Kunststoff-Formteile und schafft damit eine wichtige Grundlage für eine kunststoffgerechte Tolerierung.
Sie berücksichtigt, dass Kunststoff-Formteile nicht nach denselben Maßstäben beurteilt werden können wie klassische Metallbauteile.
Dabei ist wichtig: Eine Norm ersetzt nicht die technische Betrachtung des konkreten Bauteils.
Bei funktionskritischen Abmessungen können weiterhin individuelle Anforderungen erforderlich sein. Entscheidend ist deshalb immer die Kombination aus Norm, Bauteilfunktion, Werkstoff und Herstellungsverfahren.
Typischer Fehler: „±0,1 mm auf alle Maße“
In technischen Zeichnungen finden sich teilweise pauschale Toleranzangaben, die ursprünglich aus anderen Werkstoffen oder Fertigungsverfahren übernommen wurden.
Das kann bei Kunststoffteilen problematisch sein.
Angenommen, ein Bauteil besitzt zehn verschiedene Abmessungen. Für die Funktion sind jedoch lediglich zwei Maße wirklich entscheidend.
Werden trotzdem alle zehn Maße sehr eng toleriert, muss der Hersteller möglicherweise einen erheblich höheren Aufwand betreiben, obwohl acht dieser Maße keinen entscheidenden Einfluss auf die Funktion besitzen.
Eine bessere Lösung kann darin bestehen, kritische Funktionsmaße gezielt zu tolerieren und für die übrigen Abmessungen geeignete Allgemeintoleranzen zu verwenden.
Damit lässt sich häufig eine bessere Balance zwischen technischer Sicherheit und wirtschaftlicher Fertigung erreichen.
Auch die Messbedingungen müssen eindeutig sein
Bei besonders engen Toleranzen sollte nicht nur definiert werden, was gemessen wird, sondern gegebenenfalls auch unter welchen Bedingungen.
Relevant können beispielsweise sein:
• Umgebungstemperatur
• Konditionierungszustand
• Zeitpunkt der Messung nach der Fertigung
• Messverfahren
• Messmittel
• Bezugspunkte
• Bauteillage während der Messung
Gerade bei flexiblen, hygroskopischen oder temperaturempfindlichen Kunststoffen können unterschiedliche Messbedingungen zu unterschiedlichen Ergebnissen führen.
Eine eindeutige Definition kann deshalb spätere Diskussionen zwischen Kunde und Lieferant vermeiden.
Was sollten Einkäufer bei Kunststoffteilen beachten?
Nicht nur Konstrukteure profitieren von einer kunststoffgerechten Tolerierung.
Auch für den technischen Einkauf können Toleranzanforderungen einen erheblichen Einfluss auf den Preis haben.
Bei einem Angebot für ein kundenspezifisches Kunststoffteil sollte deshalb nicht ausschließlich der Stückpreis betrachtet werden.
Wenn ein Anbieter aufgrund extrem enger Toleranzen einen deutlich höheren Preis kalkuliert, bedeutet dies nicht zwangsläufig, dass seine Fertigung unwirtschaftlich ist. Möglicherweise entsteht der Preis durch einen erheblich höheren Werkzeug-, Fertigungs- oder Prüfaufwand.
Für Einkäufer kann es deshalb sinnvoll sein, gemeinsam mit Konstruktion und Lieferant zu prüfen:
Sind sämtliche vorgegebenen Toleranzen tatsächlich funktionsnotwendig?
Schon eine Anpassung einzelner unkritischer Toleranzen kann die wirtschaftlichen Möglichkeiten eines Projektes verändern.
Toleranzen und Serienfertigung
Besonders bei größeren Serien gewinnt die Prozessfähigkeit an Bedeutung.
Es reicht nicht aus, einmal ein Bauteil innerhalb der vorgegebenen Toleranz herzustellen. Der Fertigungsprozess muss die geforderte Qualität möglichst zuverlässig und reproduzierbar erreichen.
Je enger die Toleranz im Verhältnis zur natürlichen Prozessstreuung ist, desto anspruchsvoller wird diese Aufgabe.
Deshalb sollte bereits während der Entwicklung berücksichtigt werden, ob die geforderten Maße serientauglich und prozesssicher hergestellt werden können.
Das ist insbesondere bei Spritzgussteilen relevant, bei denen Werkzeug, Material und Prozessparameter gemeinsam die spätere Maßhaltigkeit bestimmen.
Wann sollte die Tolerierung mit dem Lieferanten abgestimmt werden?
Idealerweise nicht erst dann, wenn Werkzeug oder Fertigungsprozess bereits feststehen.
Gerade bei neuen Kunststoffteilen kann eine frühzeitige technische Abstimmung sinnvoll sein.
Besonders empfehlenswert ist dies bei:
• sehr engen Toleranzen
• großen Bauteilen
• komplexen Geometrien
• dünnen Wandstärken
• unterschiedlichen Wandstärken
• hohen Einsatztemperaturen
• hygroskopischen Werkstoffen
• verstärkten Kunststoffen
• kritischen Passungen
• hohen Stückzahlen
• neuen Spritzgusswerkzeugen
Je früher mögliche Herausforderungen erkannt werden, desto größer ist der Spielraum für konstruktive und wirtschaftliche Optimierungen.
Kunststoffgerechte Tolerierung als wirtschaftlicher Vorteil
Toleranzen sind weit mehr als Zahlen auf einer technischen Zeichnung.
Sie beeinflussen:
• Konstruktion
• Werkstoffauswahl
• Werkzeugkosten
• Fertigungsverfahren
• Prozesssicherheit
• Prüfaufwand
• Ausschuss
• Stückpreis
• Qualität
• Lebensdauer und Funktion des Bauteils
Eine gute Tolerierung versucht deshalb nicht, jede Abmessung möglichst exakt festzulegen.
Sie definiert vielmehr dort enge Grenzen, wo sie technisch notwendig sind, und lässt dort ausreichend Spielraum, wo die Funktion dies ermöglicht.
Genau darin liegt ein wichtiger Unterschied zwischen metall- und kunststoffgerechter Konstruktion.
Fazit: Bei Kunststoffteilen zählt die funktionale Genauigkeit
Kunststoffteile können sehr präzise und reproduzierbar hergestellt werden. Ihre Tolerierung erfordert jedoch ein anderes Verständnis als bei klassischen Metallbauteilen.
Materialschwindung, Feuchtigkeitsaufnahme, Temperatur, Bauteilgeometrie, Fertigungsverfahren und Prozessbedingungen können die Maßhaltigkeit beeinflussen.
Deshalb sollte eine technische Zeichnung nicht einfach nach dem Grundsatz „je enger, desto besser“ toleriert werden.
Vielmehr gilt:
So präzise wie für die Funktion erforderlich – und so tolerant wie technisch möglich.
Eine frühzeitige Abstimmung zwischen Konstruktion, Einkauf und Fertigung kann dazu beitragen, unnötige Kosten zu vermeiden und gleichzeitig eine zuverlässige Bauteilfunktion sicherzustellen.
Kunststoffteile wirtschaftlich und fertigungsgerecht auslegen
Kufast unterstützt bei der Beschaffung von Standardteilen und kundenspezifischen Kunststoffbauteilen aus unterschiedlichen technischen Kunststoffen und über verschiedene Fertigungsverfahren.
Gerade bei Zeichnungsteilen lohnt es sich, neben Werkstoff und Geometrie auch die geforderten Toleranzen frühzeitig zu betrachten. Abhängig von Stückzahl, Material, Bauteilgeometrie und Anforderungen kann geprüft werden, welches Fertigungsverfahren technisch und wirtschaftlich sinnvoll ist.
Sie haben eine Zeichnung oder eine konkrete Anfrage für ein Kunststoffbauteil? Sprechen Sie uns gerne an. Gemeinsam prüfen wir die Anforderungen und die Möglichkeiten einer wirtschaftlichen Umsetzung. Mit einem Klick auf den folgen Link gelangen Sie direkt zu unserem Anfrageformular für Kunststoffteile nach Zeichnung.
Häufige Fragen zu Toleranzen bei Kunststoffteilen (FAQ)
Können Kunststoffteile genauso genau gefertigt werden wie Metallteile?
Das lässt sich nicht pauschal beantworten. Kunststoffteile können sehr präzise gefertigt werden, allerdings hängen die erreichbaren und langfristig sinnvollen Toleranzen stark von Werkstoff, Geometrie, Fertigungsverfahren und Einsatzbedingungen ab. Eine direkte Übertragung von Metalltoleranzen auf Kunststoff ist deshalb häufig nicht sinnvoll.
Warum verändern Kunststoffteile ihre Abmessungen?
Mögliche Ursachen sind unter anderem Temperaturänderungen, Feuchtigkeitsaufnahme, Materialschwindung, Nachschwindung und mechanische Belastungen. Wie stark diese Einflüsse wirken, hängt vom jeweiligen Kunststoff ab.
Warum sind enge Toleranzen bei Kunststoffteilen teurer?
Je enger eine Toleranz ist, desto höher können die Anforderungen an Werkzeug, Fertigungsprozess, Prozessüberwachung und Qualitätsprüfung werden. Auch Ausschuss oder zusätzliche Nachbearbeitung können zunehmen.
Welche Norm gilt für Toleranzen von Kunststoff-Formteilen?
Eine wichtige Grundlage ist die DIN ISO 20457 „Kunststoff-Formteile – Toleranzen und Abnahmebedingungen“. Sie behandelt fertigungstechnisch mögliche Toleranzen für Kunststoff-Formteile.
Welche Maße sollten besonders eng toleriert werden?
Vor allem Maße, die unmittelbar für die Funktion, Montage oder Passung eines Bauteils relevant sind. Weniger kritische Maße sollten nicht ohne technischen Grund mit denselben engen Toleranzen versehen werden.
Hat das Kunststoffmaterial Einfluss auf die Toleranz?
Ja. Unterschiedliche Kunststoffe weisen unterschiedliche Eigenschaften hinsichtlich Schwindung, Wärmeausdehnung, Feuchtigkeitsaufnahme und Dimensionsstabilität auf. Deshalb muss die Tolerierung immer zum eingesetzten Werkstoff passen.
Können Toleranzen eines Metallteils einfach für ein Kunststoffteil übernommen werden?
Davon ist grundsätzlich abzuraten, ohne die Anforderungen vorher zu prüfen. Wird ein Metallbauteil durch Kunststoff ersetzt, sollten Werkstoffverhalten, Fertigungsverfahren und tatsächliche Funktionsanforderungen neu bewertet werden.
Nachdem wir in diesem Artikel die Toleranzen bei Kunststoffteilen näher durchleuchtet haben, wechseln Sie gerne zu einem weiteren Blog Artikel. Über den folgenden Link gelangen Sie direkt zur Übersicht aller Blog-Artikel.
